Bild & Icon: Filmkommunikation - Anspruchsvolles Kino in Thüringen

Katalogeintrag

Technische Infos

Medium: VHS

Spielfilm

DDR, 1966

Freigabe: FSK ab 6 Jahren, empfohlen ab 12 Jahren

Filmlänge: 129 Minuten

Keywords: Literaturverfilmung, Komödie, Gesellschaft

VERGANGENES NEU ENTDECKEN - ZUKUNFT FÖRDERN

Filmkatalog

Leihanfrage

Leihbedingungen

Bild zum Film: Spur der Steine
Bild zum Film: Spur der Steine
Bild zum Film: Spur der Steine

Spur der Steine

Produktion

DEFA, Gruppe "Heinrich Greif"

Produzent

Dieter Dormeier

Regie

Frank Beyer

Drehbuch

Frank Beyer, Karl Georg Egel, nach dem gleichnamigen Roman von Erik Neutsch

Kamera

Günter Marczinkowsky

Schnitt

Hildegard Conrad

Musik

Wolfram Heicking, Kunze

Darsteller

Manfred Krug, Krystyna Stypulkowska, Eberhard Esche, Johannes Wieke, Walter Richter-Reinick, Hans-Peter Minetti, Walter Jupé, Ingeborg Schuhmacher, Gertrud Brendler, Helga Göring, Fred Ludwig, Johannes Maus, Erich Mirek, Ingeborg Schumacher, Karl Brenk, Gerhard Hänsel, Helmut Schreiber, Hans-Peter Reinecke, Erik Veldre, Albert Zahn, Roman Silberstein, Maika Joseph, Detlef Eisner, Jochen Zimmermann, Dieter Perlwitz

"Absoluter King auf der Großbaustelle Schkona ist der großspurige und auch körperlich fast ungeschlachte Brigadier Hannes Balla. Er genießt vor allem bei seiner Truppe höchstes Ansehen, weil er dafür sorgt, dass die Abrechnungen und die Prämien stimmen. Ein bisschen ungemütlich wird es Hannes allerdings, als die junge Technologin Kati Klee und der neue Parteisekretär Werner Horrath auf der Baustelle erscheinen. Hannes sieht seine 'Unangreifbarkeit' und seinen Ruf gefährdet, weil Horrath eine durchaus interessante Persönlichkeit ist, die den Vergleich mit Balla nicht zu scheuen braucht. Und Kati Klee zwingt Hannes, ein bisschen die Draufgängermaske zu lüften und etwas von seinem wahren Wesen preiszugeben.
Balla verliebt sich in Kati. Aber auch Horrath liebt - trotz Frau und Kind, an denen er hängt und die ihn in Rostock erwarten - die junge Technologin. Er kann sich nicht entscheiden und verstrickt sich in Lügen, macht sich aber selbst vor, das zum Nutzen des Werkes zu tun. Die enge Beziehung der drei Menschen - Kati, Werner und Hannes, eine Beziehung, die zunächst auch wirklich dem Werke zugute kam - Balla ließ sich für neue Aufgaben und Ansichten begeistern - diese enge Beziehung wird zerstört."
Quelle: Videoumschlag

Materialien zum Film :
"Spur der Steine ist der bekannteste und populärste der Verbotsfilme [der DEFA], der nach der Wende die größte und am längsten währende Öffentlichkeit in Ost- und Westdeutschland erfahren hatte. Er hat insofern eine günstige Ausgangssituation, als mehrere komplette Kopien im Filmarchiv lagen. Bereits zum Tag der Künste am 28. Oktober 1989 konnte er im Berliner Johannes R. Becher-Club zum ersten Mal nach 1966 öffentlich gezeigt werden und schon am 23. November 1989 mit einer großen Premiere im Berliner Kino gestartet werden. Er war also in den Monaten des Umbruchs sofort präsent, ein Objekt der Leidenschaft und eines großen öffentlichen Interesses. Aber er lag natürlich vor allem an dem Film selbst, dass er 23 Jahre nach seiner Herstellung einen so unmittelbaren Sog entwickelte.
Bekanntlich erzählt er die Geschichte zwischen dem neu auf die Großbaustelle kommenden Parteisekretär Horrath (Eberhard Esche), dem Brigadier Balla (Manfred Krug) und der Ingenieurin Kati Klee (Krystyna Stypulkowska). Horrath will auf der Baustelle Produktivität, Effektivität und ein anständiges menschliches Klima durchsetzen. Sein Vorhaben und sein Mut, sich schwierigen Situationen und der Auseinandersetzung mit den Arbeitern zu stellen, bringen ihm den Respekt Ballas ein, der von seinen Raubrittermethoden, mit denen er sich und seiner Brigade bisher auf Kosten anderer gute Arbeitsergebnisse und gutes Geld erstritt, langsam abgeht. Doch gleichzeitig wird Balla von Horrath enttäuscht, weil dieser nicht die Kraft findet, zu seiner Liebe zu Kati, die ein Kind von ihm erwartet, zu stehen. Zu sehr ist er einer dogmatischen Moralauffassung seiner Partei und seiner Gesellschaft verhaftet. Obwohl Horrath das Richtige gewollt und in großem Maße auch getan hat, muss er die Baustelle als ein Geschlagener verlassen, auch das Mädchen geht. Und Balla, dessen Liebe sie abgewiesen hat, der alles durchschaut, bleibt zurück als der große Einsame, der weiß, dass politische Bindungen große, nicht zu akzeptierende Kompromisse verlangen, was seine Sache nicht sein kann.
Spur der Steine ist vielleicht der schwungvollste, hinreißendste Gegenwartsfilm der DEFA überhaupt. ER hat einen zupackenden Rhythmus, die Auseinandersetzungen werden bis zum Äußersten getrieben, und trotz des traumhaft sicheren Gespürs des Regisseurs für eine wirkungssichere Erzählweise verlässt er keinen Moment den Boden des Echten, bleibt stets im Erfahrungsbereich wirklich erfahrener Lebensprobleme. Ein innerhalb der DEFA-Geschichte einmaliger Fall.
Dieser Film hat seine besondere Verbots-Geschichte. Die Schöpfer waren überzeugt davon, ein Werk produziert zu haben, dass von der Partei und vom Plenum akzeptiert werden könnte. Spur der Steine wurde nach dem Plenum gewissermaßen "zum Flaggschiff, an dem sich entscheiden sollte, ob`s wieder geht. (...) Und so hat Frank Beyer ungeheuer zäh, aber auch sehr umsichtig an Schnitten und Änderungen gearbeitet, wir haben uns offen gezeigt und flexibel, aber gleichzeitig auch sehr beharrlich, wo es ans Eingemachte ging. Nach der Abnahme glaubten wir, die Schlacht sei gewonnen" . Auch der Filmbeirat beim Minister für Kultur stimmte der Aufführung mit großer Mehrheit (gegen zwei Stimmen) zu. Der Film lief am 15. Juni 1966 zu den Arbeiterfestspielen in Potsdam eine Woche lang im ausverkauften Kino. Er wurde für das staatliche Prädikat "Besonders wertvoll" vorgeschlagen und zum Filmfestival Karlovy Vary gemeldet. Er sollte am 30 Juni 1966 mit 56 Kopien (für die DDR eine immunes hohe Zahl) in allen Bezirksstädten und in Berlin gestartet werden. Zwei Tage vorher tagte das Politbüro. Punkt 3 der Tagesordnung hieß: "Über den Film Spur der Steine. Berichterstatter Walter Ulbricht." Am 29. Juni trat das ZK zusammen und beriet die Maßnahmen "zur kurzfristigen Beendigung des Einsatzes des Spielfilms Spur der Steine in Lichtspieltheatern und zur sofortigen Einstellung der Werbung für diesen Film": Reduzierung der Werbung und der Laufzeit auf maximal eine Woche, keine Rezension mit Ausnahme des "Neuen Deutschland", keine Festivalnominierung, keine Premierenfahrten, Zuschauergespräche ect. Am 30. Juni wurden Telegramme entsprechenden Inhalts an alle ersten Bezirkssekretäre der Partei verschickt. Die Berliner Premiere, auch andere Vorführungen, wurden von bestellten FDJ-Mitgliedern, Leuten von Kampfgruppen, Jugendschulen und Parteischulen ausgepfiffen. Da Frank Beyer trotz beschwörender Beeinflussungsversuche auf mehreren Parteiversammlungen nicht dazu bereit war, einzugestehen, einen schändlichen Film gemacht zu haben, wurde er aus der DEFA entfernt. Man legte ihm nahe, eine Arbeit weit weg von Berlin uns Potsdam aufzunehmen. Er ging ans Dresdner Theater."
Quelle: Richter. Erika: Zwischen Mauerbau und Kahlschlag. 1961 bis 1966. - In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. DEFA-Spielfilme 1946-1992 / Ralf Schenk (Red.). Mit Beitr. von Christiane Mückenberger, Ralf Schenk, Erika Richter ... Hrsg. vom Filmmuseum Potsdam. - Berlin : Henschel, 1994. - S. 205-207

" ... [R. Schenk:] Arbeiteten Sie zwischen "Karbid und Sauerampfer" und "Spur der Steine" noch an anderen Stoffen?
[F. Beyer:] Ich verfolgte sicher das eine oder andere Projekt, das ich heute vergessen habe. Kurze Zeit war ich mit "Ole Bienkopp" befasst, Erwin Geschonneck wollte die Hauptrolle spielen. Aber Erwin Strittmatter sah sich außerstande, das Szenarium zu schreiben, und ich wusste nicht, wie ich seine literarischen Bilder ins Medium Film herüberholen sollte. Ob der Stoff dann genehmigt worden wäre, ist eine andere Frage.
Hans Rodenberg hat mir Neutschs Roman "Spur der Steine" ausdrücklich angetragen. Das Manuskript lag in unserer DEFA-Gruppe, es waren auch andere Kollegen damit befasst. Ich hatte zunächst mit diesem ausschweifenden 900-Seiten-Roman wenig im Sinn, begriff aber ziemlich schnell, welche Brisanz die Story hat. Neutsch wollte das Szenarium nicht schreiben: Berater ja, aber nicht Autor. So holte ich mir Karl Georg Egel, den ich als Co-Autor der "Sonnensucher" sehr schätzte. Er arbeitete gerade an einem Fernsehprojekt, "Dr. Schlüter", hatte drei Teile geschrieben und musste 1964 noch weitere zwei abliefern. Aber ihn interessierte der Stoff; ich hatte das Gefühl, er dachte auf der gleichen Wellenlänge wie ich.
Das Drehbuch zu "Spur der Steine" entstand in zwei Schüben. Der erste Entwurf war sechstausend Filmmeter lang, das sind fast dreieinhalb Stunden. Das wäre nur als zweiteiliger Film gegangen. Zwei Kinoabende wollte ich nicht haben. So erfanden wir die Rahmenhandlung.
Auf diese Weise bekamen wir das Material in die Hand und konnten, weil sich in dem Rahmen bestimmte Sachen zusammenfassen ließen, den Film in zwei Stunden und 15 Minuten erzählen. Diese Struktur zu entwickeln, hat viel Arbeit gemacht.
[R. Schenk:] Wie kam es zum Glücksfall der Besetzung mit Manfred Krug? Stand er von vornherein für die Hauptrolle fest?
[F. Beyer: ] Die Besetzung mit Manfred Krug war für mich von zentraler Bedeutung. Zwar sind bei mir nie Filme an Besetzungen gescheitert, aber ich hätte nicht gewusst, was ich ohne ihn gemacht hätte. Für die Rolle der jungen Ingenieurin Kati Klee dachte ich an Jutta Hoffmann. Jutta drehte gerade mit ihrem damaligen Mann Herrmann Zschoche den Film "Karla", ich hätte also ein halbes Jahr warten müssen, und hätte ich das gemacht, wäre "Spur der Steine" vermutlich nie gedreht worden. So kam die Besetzung mit der Polin Krystyna Stypulkowska zustande, und Jutta hat sie dann synchronisiert. Natürlich hätten wir auch eine andere DDR-Schauspielerin finden können, zum Beispiel Annekathrin Bürger oder Angelica Domröse. Ich wollte aber beide nicht besetzen, weil ich ein "durchschnittlicheres" Mädchen suchte. Der Konflikt, in dem sich Horrath befindet, sollte nicht auf das Problem reduziert werden können, dass er eine ältere, weniger hübsche Frau zu Hause hat und sich nun eine jüngere, besser aussehende nimmt. Von allen Mädchen mit "durchschnittlicheren" Gesichtern, mit denen ich Probeaufnahmen machte, war Krystyna Stypulkowska die interessanteste. Ich hatte sie in einem Wajda-Film gesehen, einer kleinen Liebesgeschichte, "Unschuldige Zauberer".
Armin Mueller-Stahl war der Kandidat für den Horrath. Aber ich zögerte, mich endgültig zu entscheiden, ich war mir nicht sicher, ob er die ideale Besetzung ist. Ich sah Armin immer als einen empfindsamen, eher zögerlichen Menschen, nicht als einen "Durchreißer", wie es die Horrath-Figur ist. Armin wartete darauf, dass er meine Zusage bekommt. Zur gleichen Zeit war er für die Hauptrolle eines Wismut-Films im Gespräch, den Ulrich Thein vorbereitete. Thein schwankte zwischen Mueller-Stahl und Eberhard Esche, Esche wollte sich aber für ein solches mehrteiliges Fernsehprojekt nicht binden. Dann passierte etwas ganz Einfaches: Mueller-Stahl rief mich eines Tages an, sagte, er habe nun lang genug gewartet, und er hätte gestern zugesagt, bei Thein zu spielen. Dadurch war Esche frei, und ich besetzte ihn.
[R. Schenk:] Der Film hat wunderbar frische Dialoge. Standen die schon im Drehbuch?
[F. Beyer:] Nur teilweise. Wir haben während des Drehens eine Menge erfunden. Krug war für Dialogimprovisationen ein idealer Partner. So ist die Balla-Figur mit vielen komödiantischen Zügen angereichert worden. Ich wollte diese Tendenz zur Komödie, die im Roman ja nicht angelegt ist, um die Härte der Auseinandersetzung erträglicher zu machen.
[R. Schenk:] Als der Film im Oktober 1989 in einer Aufführung im Berliner Kulturbund zum ersten Mal nach 23 Jahren wieder gezeigt wurde, und die Zuschauer sagten, er ist ja noch immer absolut aktuell, die Diskrepanz zwischen Parteidisziplin und Individuum besteht nach wie vor, vielleicht sogar stärker als damals, was hatten Sie da für ein Gefühl?
[F. Beyer:] Meine Gefühle waren total widersprüchlich. Ich bin sehr unsicher über die Wirkung des Films gewesen, ich hatte »Spur der Steine« ja seit 1966 nicht wieder gesehen. Film ist eine leicht verderbliche Ware. Aber es gibt Ausnahmen, und um herauszubekommen, ob "Spur der Steine" eine solche ist, lud ich ein gemischtes Publikum ein, also Leute, die damals dabei waren, und jüngere, unbefangene Zuschauer, die von dieser Zeit nur wenig oder nichts wussten. Alle ermutigten mich, den Film ins Kino zu bringen. Das hat mich einerseits gefreut, andererseits empfand ich es als ein sehr trauriges Zeichen für das Land.
[R. Schenk:] Zurück ins Jahr 1965. Wie lange dauerten die Dreharbeiten?
[F. Beyer:] Wir begannen im März und waren im September fertig. [...]
[R. Schenk:] Gab es während der Dreharbeiten zu "Spur der Steine" Anzeichen, dass irgendetwas gegen den Film im Schwange war?
[F. Beyer:] Heinz Kimmel, der Stellvertreter Siegfried Wagners in der ZK-Kulturabteilung, schrieb eine sehr kritische Beurteilung des Drehbuches, die insgesamt jedoch nicht negativ war. Das Gefühl eines tollkühnen Unternehmens hatte ich jedenfalls nicht. Ich wusste zwar, dass ich mich im Grenzbereich des Erlaubten befinde, aber das war immer so, wenn man einen Gegenwartsfilm machte, in dem wirkliche Konflikte zur Sprache kamen. Nach dem Ende der Dreharbeiten spitzten sich nun aber die kulturpolitischen Diskussionen zu, zunächst um die Filme "Das Kaninchen bin ich" von Kurt Maetzig und "Denk bloß nicht, ich heule" von Frank Vogel, der in unserer Gruppe entstanden und schon über ein halbes Jahr lang hin- und hergewendet worden war. Vor dem 11 . Plenum, im November 1965, gab es noch eine enthusiastische Rohschnittabnahme von "Spur der Steine". Zu diesem Zeitpunkt hatte die Studiodirektion schon irrsinnige Sorgen, sie ahnte bereits, was mit den Filmen von Vogel und Maetzig auf sie zukommt.
[R. Schenk:] Sie waren selbst Gast des 11. Plenums. Welche Erinnerungen haben Sie an diese beiden Tage im Dezember 1965?
Es war offensichtlich eine Gewohnheit, zu diesen Plenartagungen jeweils Gäste einzuladen, und diesmal gehörte ich dazu. Es war mein erstes und letztes Plenum, nie wieder habe ich die Ehre gehabt. Den ZK-Mitgliedern wurden die beiden Filme vorgeführt, "Das Kaninchen bin ich" und "Denk bloß nicht, ich heule", um die es dann vor allem ging.
Ich weiß nicht, ob es noch Gäste von der DEFA beim Plenum gab. Soweit ich mich erinnern kann, sind nicht einmal die Regisseure der beiden inkriminierten Filme dort gewesen. Jedenfalls herrschte eine absolut hysterische Atmosphäre, in der führende Parteifunktionäre bis hin zu Ulbricht den Filmminister Günter Witt attackierten, ihn dauernd unterbrachen, ihm ideologische Blindheit und Unfähigkeit vorwarfen. Christa Wolf hat als einzige widersprochen. Wenn man das heute liest und aus dem Zusammenhang herausnimmt, klingt das, was sie sagte, relativ zaghaft, aber es war in diesem Hexenkessel eine sehr mutige Rede.
[R. Schenk:] Wie reagierten Sie auf das Plenum? Waren Sie geschockt? Ahnten Sie, dass es nun auch »Spur der Steine« an den Kragen gehen könnte?
[F. Beyer:] Mit Schlagworten wie "Skeptizismus" oder "Pessimismus", mit denen die beiden DEFA-Filme auf dem Plenum belegt wurden, konnte ich selbst überhaupt nichts anfangen, ich hätte sie auch nie auf "Spur der Steine" bezogen.
[R. Schenk:] Woher kam der merkwürdige Ausdruck "Skeptizismus"?
[F. Beyer:] Sie hatten keine eigene Idee. Sondern sie haben, wie so oft, bei der KPdSU abgeschrieben. Chruschtschows Chefideologe Iljitschew hatte im Dezember 1962 behauptet, »dass die uns feindliche Propaganda (...) versucht, das Gift des Skeptizismus zu säen«. Den gleichen Vorwurf machte im Dezember 1965 die SED-Führung den verdutzten Filmleuten der DDR.
Ich schrieb nach dem Plenum einen Brief an den Studiodirektor, in dem ich angesichts der neuen Erfahrungen um Zeit bat, meinen eigenen Film noch einmal zu überprüfen. Was im Klartext nichts anderes meinte, als "Spur der Steine" aus dieser hysterischen Atmosphäre herauszuhalten. Es gab ja immer politische Wellenbewegungen, und man wusste, dass sich die Dinge auch wieder beruhigen.
Ideologische Angriffe wurden immer unter dem Gesichtspunkt gestartet: Wehret den Anfängen! Leute, die man an den Pranger stellte, ob nun Stefan Heym oder Wolf Biermann oder später mich mit "Spur der Steine", sollten das abschreckende Beispiel sein, damit niemand auf die Idee kommt, ähnliche Bücher oder Gedichte oder Filme zu machen. Das war der Sinn. Wobei die Folgen ganz unterschiedlich waren. Es ist ja nicht so, wie es heute oft dargestellt wird, dass ich nach dem 11 . Plenum als einziger aufs Abstellgleis geschoben wurde. Jürgen Böttcher zum Beispiel hat nie wieder einen Spielfilm gedreht. Günter Stahnke ist abgedrängt worden in eine vollständig andere Richtung, er inszenierte fast nur noch Fernsehlustspiele. Oder Kurt Barthel, der noch einen Kinderfilm im Studio inszenierte und dann zum Kurzfilm ging. Von Projekten, die nicht mehr gedreht werden durften, ganz zu schweigen.
[R. Schenk:] Das 11. Plenum hatte stattgefunden, die beiden inkriminierten Filme wurden nicht zur öffentlichen Aufführung freigegeben. Wie sah es daraufhin, Anfang 1966, bei der DEFA aus - ich meine: atmosphärisch?
[F. Beyer:] Es gab Beratungen und Versammlungen, eine große Unsicherheit brach aus. Niemand wusste, ob die Filme, die neben den beiden »Sündenböcken« gerade abgedreht oder in Produktion waren, den Forderungen der Parteiführung entsprechen würden. Man sichtete die Rohschnitte, und ein Projekt nach dem anderen verschwand plötzlich im Keller. Die Studiodirektion hatte aber das Gefühl, dass sie sich mit zwei Filmen rehabilitieren wird, "Spur der Steine" und "Berlin um die Ecke".
Und zunächst sah es auch tatsächlich so aus. "Spur der Steine" sollte in den Wettbewerb des Festivals Karlovy Vary geschickt und von der Hauptverwaltung Film mit dem Prädikat »Besonders wertvoll« ausgezeichnet werden. Er sollte mit 56 Kopien in der DDR anlaufen. Während der Arbeiterfestspiele in Potsdam im Juni 1966 fanden Voraufführungen statt. Ohne Probleme, die Zuschauer drängten sich, sie waren hellwach und hochinteressiert. Aber nach den Festspielen bekam die kulturpolitische Betonfraktion wieder die Oberhand. Angeführt wurde sie vom SED-Bezirkssekretär Paul Fröhlich in Leipzig, der schon gegen den Roman intrigiert hatte. Zwischen Fröhlich und seinem liberaleren Genossen Sindermann in Halle gab es erhebliche Rivalitäten.
[R. Schenk:] Einen halben Monat nach den Voraufführungen während der Arbeiterfestspiele hatte der Film seine offizielle Premiere. Ein paar Tage später wurde das Verbot mit der "Stimme der Arbeiterklasse" untermauert. Jemand war auf die Idee gekommen, bestellte Provokateure in die Aufführungen zu schicken, sie sollten Stimmung gegen den Film machen, damit die Partei dann sagen konnte: Unsere Menschen wünschen dieses Machwerk nicht. Waren Sie einmal dabei, als das geschah?
[F. Beyer:] Während der Premiere in Berlin saßen Gruppen von Leuten im Kino, die Zwischenrufe machten. Sie hatten den Film schon vorher gesehen und geübt. - In Leipzig wurden überhaupt nur wenige Eintrittskarten verkauft; Paul Fröhlich hat die Kampfgruppen hineindirigiert. Dort ging der Film in der zweiten Vorführung im Tumult unter. - Aus Rostock habe ich eine witzige Geschichte gehört. Man hatte vergessen, den Kinoleiter vorher von den geplanten Störungen zu informieren. Der benachrichtigte nichts ahnend die Polizei, die holte die Randalierer aus dem Kino. - In Halle, dem Bezirk von Horst Sindermann, passierte dagegen gar nichts. - Stimmung gegen den Film machen sollten. Der Film lief im ausverkauften Kino störungsfrei und wurde nach den geplanten Tagen abgesetzt.
Ich weiß nicht, wer die Randale angeordnet hat, es gibt darüber keine Dokumente. Der ursprüngliche Beschluss lautete ja auch anders, nämlich den Film nach ein paar Tagen sang- und klanglos aus den Kinos zu nehmen und ihn durch ein paar zugkräftige Westproduktionen zu ersetzen. Der seit Januar 1966 amtierende Kulturminister Klaus Gysi bestellte mich am Premierentag zu sich und teilte mir das mit. Er wollte auch verhindern, dass ich mit den Schauspielern an der Premiere teilnahm. Ein direktes Verbot, das Kino zu betreten, mochte er jedoch nicht aussprechen.
So saß ich mit Manfred Krug und den anderen Darstellern in der letzten Reihe im »lnternational«. Der Kassenraum war voll von Journalisten und Leuten, die zwar Einladungen hatten, aber keine Karten bekamen. Ihre hundert oder hundertfünfzig Plätze waren besetzt von "Abgesandten", die Stimmung gegen den Film machen sollten. Der Film begann, und die Randale ging los. Es gab Zwischenrufe und Drohungen: "Ins Gefängnis mit dem Regisseur." - "Krug in die Produktion." Oder: "Unsere Parteisekretäre schlafen nicht mit
fremden Frauen."
Zwei Drittel der Besucher wussten nicht, wie ihnen geschah. Sie setzten sich zur Wehr. Bis sie merkten, es hat keinen Sinn, dagegenzurufen, das putscht die Schreihälse nur noch mehr auf. Man muss sich das totlaufen lassen. Tatsächlich verkleckerte der Lärm irgendwann, der Film lief ohne weitere Störungen bis zum Schluss.
Dieser Abend war für mich ein Grunderlebnis. So etwas kannte ich nur vom Hörensagen von den Nazis, die in den dreißiger Jahren so ähnlich gegen den Remarque-Film "Im Westen nichts Neues" vorgegangen waren. Nie im Traum hätte ich gedacht, dass die eigene Partei so etwas veranstalten könnte.
[R. Schenk:] Ihr Bruder hat in der Kulturbund-Diskussion nach der ersten Wiederaufführung 1989 eine bezeichnende Geschichte erzählt. Er war auch in der Berliner Premiere, damals noch als Student. Am anderen Tag habe ihn sein Institutsdirektor beiseite genommen und ironisch zu ihm gesagt: "Das haben wir gerne, neben Biermann sitzen, unflätige Bemerkungen machen und sich einen konterrevolutionären Film ansehen." Ihr Bruder bekam deswegen keine Schwierigkeiten. Sein Chef war ein toleranter Mann, aber er wusste Bescheid; der Abend muss unter totaler Kontrolle der entsprechenden "Organe" gestanden haben. - Bekamen Sie nach "Spur der Steine" eine Parteistrafe?
[F. Beyer:] Ja, eine strenge Rüge, die erste.
[R. Schenk:] Wäre es für Sie als Alternative in Frage gekommen, das Land zu verlassen? Viele Ihrer Freunde sind weggegangen.
[F. Beyer:] Nicht in den sechziger Jahren. Selbst Manfred Bieler, der Autor des Films "Das Kaninchen bin ich", ist ja nicht direkt in die Bundesrepublik, sondern über Prag in den Westen gegangen. Ich glaube, damals wäre man auch nur nach einem Zwischenaufenthalt im Gefängnis in die Bundesrepublik gekommen.
1966 war die Bundesrepublik für mich weder als Gesellschaftsordnung noch als Filmland eine AIternative.
[R. Schenk:] Sie hatten 1965 geplant, den Vorspann des Films mit einem Lied von Wolf Biermann zu unterlegen. Wäre das nicht ein Sakrileg gewesen? Immerhin galt Biermann schon seit dem VI. Parteitag der SED im Januar 1963 und seinem Ausschluss aus der Partei im selben Jahr als Verfemter.
[F. Beyer:] Um Biermann war gerade wieder einmal relative Ruhe. Erst im Vorfeld des 11 . Plenums geriet er erneut ins Schussfeld der Ideologen. Das Kesseltreiben gegen ihn begann im November 1965 mit einem Artikel von Klaus Höpcke im »Neuen Deutschland«.
Biermann schrieb für den Titelvorspann eine Moritat, ein Loblied auf den Film. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich nicht auf diese Weise selbst anpreisen konnte. Wenn alles normal gelaufen wäre, hätte ich mit dem Lied und ein paar kräftigen Szenen aus "Spur der Steine" einen Werbetrailer gemacht.
[R. Schenk:] Ich finde die Biermann-Moritat so vorzüglich, dass ich sie dem Leser nicht vorenthalten möchte. Sie lautet so: "Sie sehen hier ein DEFA-Stück! / Bleiben Sie sitzen, Sie haben Glück! / Frank Beyer ist der Regisseur/ Das Ding handelt vom Parteisekretär / und von Arbeitsmoral / und Schnaps im Lokal / Und Liebe im Mail mit Tränen dabei / Parteidisziplin / mit nackend Ausziehn / mit Plandiskussion / und Hochleistungslohn / Mit Lug und Betrug / Mit Manne Krug / Als Baubrigadier / kübelt er Bier / Ein Volkspolizist / fliegt in den Mist / Ein Bürokrat / schadet dem Staat / Ein Anarchist / wird Kommunist / Ne schöne Frau / macht man zur Sau / Sie kriegt ein Kind / Man kriegt davon Wind / Ein Mann geht kaputt / In all dem Schutt / Ne Ehe zerbricht / gekittet wird nicht / Hier wird nix gelogen / nichts gerade gebogen / Hier ist nix frisiert / und blank poliert / Hier ist das Leben / krass und klar / verrückt und wahr / verrückt und wahr."
[F. Beyer:] Ich entschied mich, Biermanns "Warte nicht auf bessere Zeiten" unter den Vorspann zu legen. Das war aber nach seiner erneuten politischen Verdammung nicht mehr möglich, und so ist der Vorspann nur mit Geräuschen der in Schkona einfahrenden PKW-Kolonne unterlegt.
[R. Schenk:] Während 1966 von den meisten verbotenen Filmen kaum jemand außerhalb des Studios Notiz genommen hatte, lagen die Dinge mit "Spur der Steine" etwas anders.
[F. Beyer:] Ja, die anderen Filme sind in der Öffentlichkeit nicht bekannt gewesen, man konnte sie einfach verschwinden lassen. "Spur der Steine" aber, nach einem auflagenstarken Buch und mit einem Star in der Hauptrolle, war groß angekündigt, er sollte der Film zum 20. Jahrestag der DEFA werden. Vermutlich wäre "Spur der Steine" schon im März verboten worden, wenn der starren Fraktion der Kulturfunktionäre etwas eingefallen wäre, um das in der Öffentlichkeit zu begründen. Gysi fand dann die Formel: Er behauptete nämlich, ich hätte keine Verfilmung, sondern eine Verfälschung des Romans gedreht. Erik Neutsch widersprach dem zwar, daraufhin fuhr ihm Gysi mit den Worten über den Mund, er könne das gar nicht beurteilen, er sei der Autor der literarischen Vorlage und deshalb befangen.
[R. Schenk:] Später hieß es dann, Neutsch habe sich von dem Film vorsichtshalber distanziert, um seine eigene Karriere nicht aufs Spiel zu setzen.
[F. Beyer:] Ich kann dazu nur sagen, in jenen Tagen unmittelbar um die Premiere hat er das nicht getan.
dass ihm das Gerücht dennoch anhaftet, hängt mit seinem Versuch zusammen, 1978 eine Neuverfilmung durch das DDR-Fernsehen zu erreichen. Er versuchte, mehrere Politbüromitglieder für diesen Gedanken einzuspannen. Das führte sofort zu aufgeregten Gegenmaßnahmen. Die Fernsehleitung beschwor Neutsch, von seinem Vorhaben abzulassen. Sie meinte zwar, dass er eine "bessere" Verfilmung seines Buches verdiente, aber sie war ganz und gar ratlos, welcher Regisseur das machen sollte. Im ZK raufte man sich die Haare: Endlich ist Gras über die Sache gewachsen, nun kommt Neutsch und will das alles wieder 'runterfressen.
[R. Schenk:] Hätte er sich nicht lieber dafür einsetzen sollen, den alten Film wieder in die Kinos zu bringen?
[F. Beyer:] Das hielt er 1978 vermutlich für eine völlig aussichtslose Sache.
[R. Schenk:] Was waren die genauen Gründe für das Verbot? Aus den einschlägigen Akten sind konkrete Anwürfe nicht herauszulesen.
[F. Beyer:] Es gab Dutzende von Vorwürfen. Sie können sie in den Protokollen der DEFA-Parteiaktivtagung vom Juli 1966 nachlesen. Der Film galt als "partei- und staatsfeindlich". Der tiefere Grund für das Verbot war, dass "Spur der Steine" eine SED vorführt, die innerlich tief zerstritten ist, die zwei sich bekämpfende Flügel hat. Das war das eigentliche Sakrileg, die Tabuverletzung.
Da es im Sommer 1966 immer noch Reste von Widerstand gegen den "Kahlschlag" im DEFA-Studio für Spielfilme gab, fanden zwei Parteiaktivtagungen statt, die sich ausschließlich mit "Spur der Steine" befassten. Der Kulturminister Gysi "analysierte" den Film und kam zum Schluss, dass "Spur der Steine" wegen der falschen politischen Positionen seines Regisseurs auch künstlerisch ganz schwach sei, eben ein Machwerk in jeder Beziehung. Anschließend erklärte der Leiter der Kulturabteilung des ZK, Wagner: "Es gibt zwei Ideologien im Studio, die Ideologie der Partei und die Ideologie der Macher, Anhänger und Verteidiger dieses Films." Dann forderte er alle Anwesenden auf, ihre Meinung zu sagen. Unter solchen Umständen ist natürlich klar, dass sich viele zur Ideologie der Partei bekennen wollten. Es waren so viele, dass der Abend nicht ausreichte, die Aktivtagung musste eine Woche später fortgesetzt werden. In welcher Stimmung das verlief, kann man auch an der Drohung Wagners ablesen: "Wer die Hand gegen die Arbeiterklasse erhebt, dem wird sie abgehauen." Obwohl doch nur einige von uns den Finger zu einer Wortmeldung gehoben hatten...
[R. Schenk:] Sie wurden im Sommer 1966, nach dem Verbot von "Spur der Steine", aus dem Studio entlassen. Wie erklären Sie sich den Hinauswurf, der als Mittel der Disziplinierung nicht gebräuchlich war?
[F. Beyer:] Die Entlassung hängt damit zusammen, dass ich mich weigerte, mich von "Spur der Steine" zu distanzieren und meine "Fehler" einzusehen. Und sie hängt mit Konrad Wolfs hartnäckiger Verteidigung des Films zusammen. Zwei Leute, die sich gegen die Meinung der Parteiführung stellten, das galt schon als abweichlerische Fraktion! Hinzu kam, dass sowohl Konrad Wolf als auch ich im Studio ein gewisses Ansehen besaßen. Das muss den obersten Genossen ein Dorn im Auge gewesen sein. Und da sie den Akademiepräsidenten nicht hinauswerfen konnten, warfen sie mich hinaus. Das hatte natürlich auch insofern seine Ordnung, da ich den Film gemacht hatte und nicht Konrad Wolf.
Die Angst davor, dass Wolf und ich uns erneut "verbünden" könnten, ist vermutlich auch der Grund, weshalb ich nie wieder zur DEFA zurückkehren durfte. An sich sollte ich mich zwei Jahre lang an einem Theater in der Provinz "bewähren", aber ich wurde nie wieder im Studio angestellt.
[R. Schenk:] Wie hat sich Konrad Wolf in der Sache "Spur der Steine" konkret verhalten? Es dürfte ja gerade für ihn als Akademiepräsidenten nicht ganz einfach gewesen sein, dem von oben ausgegebenen Verdikt zu widersprechen.
[F. Beyer:] Konrad Wolf war am ersten Abend der Aktivtagung anwesend, hatte sich aber nicht zu Wort gemeldet. Seine Meinung war allerdings bekannt. - Auf der zweiten Tagung erschien er nicht. Zwischen beiden Tagungen lag ungefähr eine Woche, und in dieser Zeit gab es, wie ich später erfuhr, ein Gespräch zwischen ihm und Klaus Wischnewski. Wolf sagte, er sei ratlos, denn er könne seine positive Meinung zu dem Film nicht revidieren. Und Wischnewski riet ihm: Dann schreib einen Brief und teile Deine Meinung auf diese Weise mit. Denn wenn Du hingehst, besteht die Gefahr, dass Du in ein Kreuzverhör kommst, das Dich Deinen Akademieposten kosten könnte, und daran kann niemand von uns interessiert sein. Wolf schrieb diesen Brief, und er ließ natürlich keinen Zweifel, auf welcher Seite er stand.
[R. Schenk:] Gab es außer Konrad Wolf noch andere solidarische Kollegen?
[F. Beyer:] Natürlich gab es Kollegen, die an ihrer Meinung festhielten, "Spur der Steine" sei ein anständiger und politisch interessanter Film. Aber mir ist kein einziger Fall bekannt, dass jemand standhaft blieb, wenn er bedroht wurde.
Für Konrad Wolf hatte die Sache noch ein Nachspiel. In einer eigens dafür einberufenen Parteileitungssitzung im September 1966 setzten sie ihn so unter Druck, dass auch er schließlich nachgab und seine Meinung revidierte. Für Hager war dieser Vorgang so wichtig, dass er in einem Brief alle Mitglieder des Politbüros davon in Kenntnis setzte: Die "Einheit und Geschlossenheit der Partei" war wiederhergestellt.
[R. Schenk:] Wie hat Ihr Co-Autor Karl Georg Egel auf das Verbot von "Spur der Steine« reagiert?
[F. Beyer:] Er befand sich im Sommer 1966 im Krankenhaus, und dem Parteiapparat kam diese Krankheit höchst gelegen. Egels fünfteiliger Fernsehfilm "Dr. Schlüter" war inzwischen fertig und erhielt als Musterbeispiel des sozialistischen Realismus in der Fernsehkunst den Nationalpreis. - Wie hätte man denn erklären sollen, dass sein Autor gleichzeitig an einem solchen Machwerk wie "Spur der Steine" beteiligt war?
Quelle: Schenk, Ralf: Damit lebe ich bis heute : Ein Gespräch mit Frank Beyer. - In: Regie: Frank Beyer / hrsg. von Ralf Schenk im Filmmuseum Potsdam. - Berlin: Ed. Hentrich, 1995. - S. 52 - 61

"Once upon a time ... "Spur der Steine" 1966

Ich weiß keinen anderen DEFA-Film, dessen Bilder und Töne mein Gefühlsgedächtnis so genau, so unvermittelt gespeichert hat. Ein Ruf von versunkenem Ufer, an dem auch ich gewesen bin, once upon a time. Und je weiter das Werk in die Zeitenferne rückt, seinen Platz einnimmt in der Kunst des abgeschlossenen Sammelgebiets DDR, desto begreiflicher wird - was bei der Premiere im Juni '66 unfassbar schien -, warum gerade dieser Film, der in der stürmischen Atmosphäre einer volkseignen Groß-Baustelle, in den Charakteren seiner Helden tief beteiligt Auskunft gibt über die Alternative: Sozialismus, warum gerade er damals auf allerhöchste Weisung aus den Kinos geknüppelt wurde (wie auch meine Rezension aus der Zeitung flog).
Das war kein Missverständnis von Kunstbanausen. Da waren nicht nur wachsame Einfaltspinsel zugange, die sich (man erinnere eine der inkriminierten Filmszenen) beim unfreiwilligen Bad des Dorfpolizisten im Ententeich ängstigten, es könne ob solchen Signals morgen die gesamte Staatsmacht baden gehen.
Nichts da von redlichem Missverstehen, von redlicher Dummheit am höchsten Ort. Die hohen Häupter hatten sehr wohl verstanden, dass die Spur der Steine, die leidenschaftliche Lebensspur der Helden des Films einen anderen Sozialismus meinte, als sie ihn dem Lande zugedacht hatten.
Der Rasen deckt sie. Das Gras des Vergessens überwuchert Namen. Ihr Sozialismus, Realsozialismus genannt, in den wir mit großer Hoffnung und mit Herzschmerzen ob seiner Defizite involviert waren, ist dahin. Der Film lebt, ist so unverschämt lebendig geblieben, dass er 1994 in einer Umfrage nach den hundert wichtigsten deutschen Filmen als zweitbester Gegenwartsfilm rangiert (nach Alexander Kluges "Abschied von Gestern").
Wenn man Nachgeborenen berichten wollte, wie es gemeint war mit dieser, unserer so schwer zu erklärenden Republik, wie die Exoten ausgesehen haben, die Spaß daran hatten, sich gemeinsam fürs Gemeinsame zu schinden, denen es, gestreift noch von Krieg und Faschismus, ernst gewesen ist mit dem Anders-Werden, mit der Vision von einer menschlicheren Gesellschaft, ich würde sie in Frank Beyers Film schicken, wenn nicht zum Regisseur selber, der

Literatur:
*Beyer, Frank: Spur der Steine und die Stimme des Volkes. - In: Beyer, Frank: Wenn der Wind sich dreht : Meine Filme, mein Leben / Frank Beyer. - München: Econ Verl., 2001. - S. 126 - 153
*Kersten, Heinz: Spur der Steine. - In: Kersten, Heinz: So viele Träume : DEFA-Film Kritiken aus drei Jahrzehnten / Heinz Kersten. Christel Drawer (Hrsg.). - Berlin : VISTAS Verl., 1996. - S. 320-322
*Rehahn, Rosemarie: Once upon a time ... : "Spur der Steine" 1966. - In: Regie: Frank Beyer / hrsg. von Ralf Schenk im Filmmuseum Potsdam. - Berlin : Hendtrich, 1995. - S. 190-195
*Regie: Frank Beyer / hrsg. von Ralf Schenk im Filmmuseum Potsdam. - Berlin: Ed. Hentrich, 1995. - u. a. S. 108 - 123 (Dokumente), S. 285 - 286 (Bibliographie der Rezensionen)
*Schulz, Michael: Spur der Steine. - In: Reclams Lexikon des deutschen Films. Stuttgart : Reclam, 1995. - S. 295-296
Spur der Steine : Regie Frank Beyer 1966. - In: Manfred Krug : die großen Kinofilme / hrsg. von Ralf Schenk. - Berlin : Parthas Verl., 1997. - S. 80-87
*Spur der Steine. - In: Habel, F.-B.: Das große Lexikon der DEFA-Spielfilme : Die vollständige Dokumentation aller DEFA-Spielfilme von 1946 bis 1993 / F.-B. Habel. Mit Inhaltsang. von Renate Biehl. - Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2000. - S. 573 - 575
*Spur der Steine : Regie Frank Beyer. 1966. - In: Manfred Krug : Die großen Kinofilme / hrsg. von Ralf Schenk. - Berlin : Parthas Verl., 1997. - S. 81 - 87

Top

Impressum

--