Bild & Icon: Filmkommunikation - Anspruchsvolles Kino in Thüringen

Katalogeintrag

Technische Infos

Medium: VHS

Spielfilm s/w

Deutschland, 1919

Freigabe: FSK ab 12 Jahren, besonders wertvoll

Filmlänge: 70 Minuten

Keywords: Kriminalfilm, Drama, Filmgeschichte

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Leihbedingungen

Bild zum Film: Das Cabinet des Dr. Caligari
Bild zum Film: Das Cabinet des Dr. Caligari

Das Cabinet des Dr. Caligari

Produktion

Decla Bioscop,

Produzent

Erich Pommer

Regie

Robert Wiene

Drehbuch

Hans Janowitz, Carl Mayer

Kamera

Willy Hameister

Musik

Armin Brunner, Peter Schirmann

Darsteller

Rudolf Klein-Rogge, Conrad Veidt, Werner Krauss, Lil Dagover, Friedrich Fehér, Rudolf Lettinger, Hans Heinrich von Twardowski, Elsa Wagner, Ludwig Rex, Henri Peters-Arnolds, Hans Lauser-Indolff

Im Garten einer Irrenanstalt erzählt Francis einem anderen Insassen seine Geschichte, die Geschichte seiner Krankheit:
Als vor deren Toren der kleinen Stadt Holstenwall der Jahrmarkt beginnt, geschieht ein geheimnisvoller Mord, der ihre Bürger ebenso beunruhigt wie die größte Attraktion des Volksfestes: Der Schausteller Dr. Caligari führt den Somnambulen Cesare vor, der die Zukunft voraussagen kann. Auch die befreundeten Studenten Francis und Alan besuchen das Zelt Caligaris. Während der Vorführung will Alan wissen, wie lang er noch leben werde und Cesare antwortet: "Bis zum Morgengrauen." Verstört zieht Francis seinen Freund aus dem Zelt, am nächsten Morgen ist Alan tot. Francis verdächtigt Caligari. Aber bei einen weiterem Mordanschlag wird ein Verdächtiger festgenommen und die Stadt atmet auf. Als jedoch Jane, die Verlobte von Francis, in der nächsten Nacht verschleppt und ohnmächtig gefunden wird, steht fest, daß der Verhaftete nicht der Täter sein kann. Jane berichtet vielmehr, daß es Cesare gewesen sei, der sie mit einem Messer bedroht und weggetragen habe. Eine Durchsuchung von Caligaris Wagen macht die Zusammenhänge zwischen ihm und seinem Medium Cesare deutlich. Während Cesare, den hypnotischen Kräften seines Meisters entzogen, zugrunde geht, flüchtet Caligari und findet Unterschlupf in einer Irrenanstalt. Francis ist ihm gefolgt, läßt sich beim Direktor der Anstalt melden und muß mit Schrecken feststellen: Caligari und dieser sind identisch. Nachts durchsuchen Francis und von ihm eingeweihte Ärzte der Anstalt Caligaris Arbeitszimmer und finden überzeugende Schuldbeweise. Mit der Leiche Cesares konfrontiert, verfällt der Doktor in Tobsucht und wird von Irrenwärter in eine Zwangsjacke gesteckt.
Nachdem Francis diese Geschichte beendet hat, gehen die beiden Irren über den Hof der Klinik. Aus dem Gebäude tritt ein älterer Herr: Dr. Caligari. Francis will sich auf ihn stürzen, wird aber von Pflegern zurückgehalten. Caligari schaut Francis mitleidsvoll an und beruhigt ihn mit den Worten: "Endlich begreife ich seinen Wahn und kenne den Weg zu seiner Genesung."

Kritik:
"Der berühmteste deutsche Stummfilm, ist ein Meisterwerk der provokativen Bildsprache des Expressionismus, ist einer der wichtigsten Psychatriefilme. Seine Thematik der erzählerischen Vermischung von Normalität und Wahnsinn und der Folgeerscheinung von Autorität, Macht, Tyrannei, Despotismus und Massenbeeinflussung durch Hypnose sowie seine stilistische Verbindung von moderner Kunst mit Formen des Wahnsinns läßt ihn auch heute noch aktuell und brisant erscheinen." (Lexikon des Internationalen Film)

"[...] Schräge Linien, schiefe Wände, geneigte Ebenen, verzerrte Perspektiven und auf den Dekor gemalte Schatten sind die auffälligsten Merkmale dieses ersten expressionistischen Films; die Schauspieler passen sich den Dimensionen der Kulissen an. So sitzen etwa die Beamten mit fast waagrecht nach vorn gebeugten Oberkörpern auf Hockern, deren Sitzflächen sich in Tischhöhe befinden. So sind die drei Strähnen im Schopf Caligaris ebenso angeordnet wie die Nähte auf seinen Handschuhen - parallele schwarze Linien auf weißem Grund. Vor allem die Gestik und Mimik von Werner Krauss und Conrad Veidt sind bis zur reinen Ergänzung des Dekors stilisiert: So verbeugt sich Caligari anbiederisch vor seinem Publikum; krümmt sich jedoch noch tiefer, um durch den Eingang seines Jahrmarktszeltes zu passen. Zwei Stöcke verlängern seine Arme, mit denen er anpreisende, ausladende Bewegungen macht, um auf sein somnambules Schauobjekt hinzuweisen. Das ist bis zur Unkenntlichkeit geschminkt, kalkweiß das flächige Gesicht, schwarz die Unter-, hell die Oberlider seiner zunächst noch geschlossenen Augen, die es auf Caligaris Befehl weit öffnet. Eine Kreisblende isoliert diesen furchtbaren, leeren Blick und den sich automatisch bewegenden Mund, aus dem die Weissagung wortweise purzelt, deutlich artikuliert. Später schiebt sich der in ein schwarzes Trikot gekleidete Cesare auf dem Weg zu Jane an einer weißen Wand entlang. Unsicher zögernd tasten sich die Füße in kleinen Schritten voran, während eine Hand hinter die andere vor dem Körper fest an die Wand gepreßt bleibt. Der nach vorn geneigte Oberkörper signalisiert Sprungbereitschaft, die dahinter zurückbleibenden Gliedmaßen dagegen das Bemühen, sich gleichsam in den Hintergrund hineinzupressen, zum bloßen Ornament zu werden. Die Darstellung vermischt eine ängstliche mit einer aggressiven Attitüde: Instinktiv spürt Cesare die Furcht vor der Entdeckung genauso wie die ihm von Caligari eingeflüsterte Mordlust. Selbst die auf einen flammenden Hintergrund in gezackten Buchstaben gemalten Zwischentitel unterstreichen die Bedrohlichkeit einer aus den Fugen geratenen Ordnung. Und die Lettern des Schriftzugs 'Du mußt Caligari werden' torkeln genauso verwirrt über die Leinwand wie der wahnsinnig gewordene Caligari selbst. [...]" (Sannwald, Daniele: Das Cabinet des Dr. Caligari. - In: Filmklassiker : Beschreibungen und Kommentare / hrsg. von Thomas Koebner unter Mitarb. von Kerstin-Luise Neumann. - 2., durchges. und erw. Aufl. - Bd. 1: 1913 - 1946. - Stuttgart : Reclam, 1998. - S. 48- 49)

" [...] Das Kabinett des Dr. Caligari hat seine Geschichte und Vorgeschichte. Zwei junge Männer - Hans Janowitz und Carl Mayer - planten ein Drehbuch, in dem sie das unmenschliche Staatssystem des kaiserlichen Deutschland anprangern wollten. Diese Kritik sollte nicht direkt dargestellt werden, aber aus der erzählten Geschichte leicht herauszulesen sein. Darüber schreibt der Mitautor des Drehbuches Hans Janowitz sehr offen in seinen Erinnerungen, die unter dem Titel "Caligari, the Story of the Famous Story" erschienen sind. 'Eine Staatsautorität, die sich auf uns berief und uns zwang, an einem unsinnigen Krieg teilzunehmen, liegt außerhalb der Vernunft. Das wurde in unserem Film durch den alten Professor, den großen Psychiater, den berühmten und geachteten Direktor der Irrenanstalt, charakterisiert, der sich selbst in Dr. Caligari, den Mörder, verwandelte ... Er ist die personifizierte Autorität ... Cesare, das Werkzeug, das für die unterjochte Armee wehrpflichtiger Rekruten stehen sollte, war nicht schuldig; schuldig war Dr. Caligari ... der die autoritative Macht verkörpern sollte ...' [...] Die Aussage des Drehbuches war: Die blindwütige, gefährliche Macht kann durch Vernunft gebannt werden.
Mit einer solchen Konzeption kamen Janowitz und Mayer zum Leiter des Studios Decla Erich Pommer. Dieser nahm das Drehbuch an und übergab es Fritz Lang zur Produktion. Lang mußte anderen Verpflichtungen nachkommen, und die Produktion ging in die Hände von Robert Wiene über. Lang gibt zu, daß er den Gedanken, diese unheimliche Geschichte in einen Rahmen zu stellen, der sie für das Publikum 'verdaulicher' machen würde, seinem Nachfolger als Erbe hinterlassen hat. Er gab den jungen Drehbuchautoren den 'väterlichen Rat': 'Meine Kinder, ihr könnt das nicht so machen, wie ihr es wollt, weil ihr da zu weit geht. Ein Expressionismus, wie ihr ihn wollt, ist unmöglich. Das schreckt die Zuschauer ab.' Wiene und Pommer haben gegen den Protest der Autoren den Vorschlag von Lang akzeptiert, wenngleich sie ihn nicht so realisiert haben, wie er von Lang geplant war. Lang wollte den Anfang und den Schluß des Films als reale Handlung erscheinen lassen und hatte auf diese Weise hervorgehoben, daß der Hauptteil des Films eine Phantasiererei eines Geisteskranken ist.' Der Film bekam eine Rahmenhandlung. Die erste Szene spielt in der Irrenanstalt, in der ein geistesgestörter Patient die Geschichte über Dr. Caligari erzählt. Am Schluß des Films wird ersichtlich, daß alle Gestalten der Geschichte Anstaltsinsassen sind und Dr. Caligari der Anstaltsdirektor ist. Aber sie werden nicht entlarvt, sondern im Gegenteil, der lächelnde Arzt und Anstaltsleiter erklärt dem geisteskranken Studenten, der die Geschichte erzählt hat, daß er seinen Fall versteht und ihn nun heilen kann. Die Moral der neuen Drehbuchfassung war: Die Macht ist im Grunde gut, und diejenigen, die sich gegen sie auflehnen, sind seelisch unausgeglichen, ja sogar geistesgestört.
Robert Wienes Film lag ein ungewöhnliches Drehbuch zugrunde, sowohl in der ursprünglichen wie auch in der geänderten Fassung. Doch niemals hätte es die Wirkung auf den Zuschauer gehabt, wäre nicht die expressionistische Bildgestaltung hinzugekommen. Mayer und Janowitz wollten die Ausstattung dem Prager Maler Alfred Kubin übertragen. 'Die Geschichte des Dr. Caligari' - schreibt Hans Janowitz - 'entsprang der poetischen Atmosphäre Prags ... deren Romantik auch in den Gemälden von Alfred Kubin eingefangen und phantasiereich geschildert war ...'. Kubin, der damals in Bayern lebte, wollte diesen Auftrag nicht übernehmen, und das Drehbuch "Das Kabinett des Dr. Caligari" kam in die Hände der drei Architekten, die bei der Decla arbeiteten: Hermann Warm, Walter Röhrig und Walter Reimann. Die Idee für das expressionistische Dekor, das der Stimmung, vielleicht besser gesagt, dem Geist des Stoffes entsprach, lieferte der Maler Reimann, der der Gruppe »Der Sturm« angehörte. Die Entwürfe wurden nicht ohne Protest von seiten der Produzenten und ohne sich mit den Drehbuchautoren zu verständigen, letztlich so akzeptiert. Hermann Warm bezeichnete das Prinzip der Ausstattung des Films mit folgenden Worten: 'Film muß Graphik werden! Film ist verlebendigte Zeichnung!' Bisher wurden in der Filmpraxis die Dekorationen, abgesehen von dem futuristischen Interieur im italienischen Film »Perverser Zauber« von Bragaglia, sehr naturalistisch behandelt. Sie waren eine Fotokopie der Wirklichkeit. Für die expressionistischen Maler kam eine naturalistische Gestaltung des Kleinstadtbildes, in dem die Filmhandlung spielte, nicht in Frage. In den Dekorationen und Kostümen sollte die künstlerische Konzeption der Drehbuchautoren zum Ausdruck kommen. Und dieser Konzeption entsprangen die auf Leinwand gemalten Kulissen, die Häuser und bizarren Bäume, die schief ragenden Schornsteine, die eigenartigen Tische und Stühle, die im Zickzack verlaufenden Dächer und die stilisierten Kostüme des Dr. Caligari und des skelettähnlichen Cesare. Hier und da weichen die Architekten von ihrer Konzeption ab, aber im Grunde macht das Dekor einen geschlossenen Eindruck. Die aus dem Gleichgewicht geratene Gefühlswelt der Menschen verschmilzt mit dem aufreizenden Anblick des Hintergrundes.
Das Kabinett des Dr. Caligari bedeutete in der Geschichte des Dekors einen Wendepunkt. Es erwies sich, daß das Element, das bisher nur Zusatz, Hintergrund oder Rahmen für die Handlung war, zum wichtigsten Element im Film werden konnte, und daß die Handlung sogar zweitrangig wurde. Das Dekor wurde zum porte-parole der Autoren. Die Dekorationen, nicht das Spiel der Schauspieler vermittelten dem Zuschauer die Verzweiflung, das Tragische und die Ausweglosigkeit. Der Rhythmus des Spiels von Linien und Flächen war für die Grundstimmung des Films ausschlaggebend. Die toten Dekorationen nahmen Leben an und bestimmten die Handlung der Helden, beeinflußten ihre Charaktergestaltung und letzten Endes auch ihr Schicksal. Die Gassen der Kleinstadt, gleichsam den Bildern Lionel Feiningers entnommen, verliehen der Filmhandlung die entsprechende Atmosphäre, und die Maske des Somnambulen - wie von Kubin gezeichnet - legte von vornherein die geistige Silhouette der Gestalt fest. Zum erstenmal in der Filmgeschichte bestimmten Bühnenbildner und Maler die künstlerische Anlage eines Filmwerkes.
Es wurde häufig die Ansicht geäußert, daß das Dekor deshalb so sei, weil der Film ein Bericht eines Geisteskranken ist. Diese Interpretation verrät aber doch zu viel vereinfachende Naivität. Die Idee des Kabinett des Dr. Caligari war die Auflehnung gegen die verbrecherische Gewalt. Und das Dekor des Films überträgt das Gefühl der Auflehnung auf eine höhere Ebene. Es ist nicht mehr die Auflehnung allein gegen die Gewalt, sondern auch gegen das Geordnete, gegen das allen als heilig und feststehend Empfundene, in dem die Gewalt wirkt.
Die flachen Dekorationen, bei denen bewußt auf Effekte der Dreidimensionalität verzichtet wurde, stimmten mit den philosophischen Grundgedanken der Expressionisten überein, die auf diese Weise ihren Protest gegen die herrschenden Gesetze der Wirklichkeit betonten und die Grenzen ihrer Welt absteckten, zu der kein Fremder Zutritt hatte. In der Komposition eines jeden Bildes war ein Stück von der generellen Auseinandersetzung mit der Welt, war ein Stückchen von dem Drama, das der Künstler empfand. Nicht ohne Grund hat einer der Begründer des deutschen Expressionismus, der Maler Schmidt-Rottluff, den Expressionisten als einen Künstler des Dramas bezeichnet und in der Komposition der Bilder eine besondere Art der Dramaturgie gesehen: 'Wer Expressionismus sagt, meint Dramatik der Bildstruktur.'
So sah der erste deutsche expressionistische Film aus. Ihm folgten andere. [...] Kennzeichnend für den Expressionismus im deutschen Film ist, daß ihm eine aufsteigende Linie, eine klare Entwicklung und die Gründung einer Schule fehlten. Rudolf Kurtz schreibt in seinem Buch "Expressionismus und Film" sehr zu Recht: 'Die Geschichte des expressionistischen Films in Deutschland ist die Geschichte einer Reihe von Wiederholungen. Der Anfang ist nicht übertroffen worden ... In "Caligari" ist ein Akkord angeschlagen, dessen Klangfülle durch seine Nachfolger nicht reicher, nicht kraftvoller geworden ist.' [...]" (Der deutsche Expressionismus. - In: Toeplitz, Jerzy: Geschichte des Films. Bd.1: 1895 - 1928. - Berlin : Henschel, 1984. - S. 215 - 218)

Zur Rezeption des Filmes:
" 'Seit Wochen kleben an den Litfaßsäulen, an den Reklamewänden der Untergrundbahnhöfe marktschreierische Plakate, grellbunt aufgemacht, faszinierend. Und aus wirren Buchstaben formen sich die geheimnisvollen Worte: "Du mußt Caligari werden", die das Publikum in ihren Bannkreis reißen. Ein neues Theaterstück? Eine Revue? Der sensationelle Titel einer Bar? Eingeweihte wußten, daß es sich um einen Film handelt. Einen expressionistischen Film.'
So beschrieb Eugen Tannenbaum für die Leserschaft der "Danziger Zeitung" am 6. März 1920 ein Berliner Großereignis, das sich im Marmorhaus, einem der damals mondänsten Berliner Kinos zugetragen hatte. Ein Ereignis, das sich mit einem Werberummel ankündigte, wie man es heutzutage nur noch von den großen Verleihern für ihre teuer produzierten Unterhaltungsfilme kennt. Dabei war der "Caligari" eine recht bescheidene Produktion, aber die Mitwirkenden und der ausführende Produzent erkannten nach der Fertigstellung, welch künstlerisch brisanter Film .da geschaffen worden war. Daß Form und Inhalt noch Jahrzehnte später im In- und Ausland für heftige Debatten sorgen sollten, für so manche Examensarbeit und Dissertation an den Hochschulen oder engagierte Artikel in den Fachpublikationen, daß der Film einmal als Höhepunkt des 'expressionistischen' Stummfilms gefeiert werden oder daß man ihn 65 Jahre nach seiner Uraufführung mit viel Geld und Fleiß 'rekonstruieren' würde, um so nah wie möglich an die 'Originalfassung' wieder heranzukommen, das alles konnten 1920weder die Zuschauer noch das Filmteam ahnen.
Der Film entstand in einer politisch unruhigen Zeit. Viele der Mitarbeiter hatten im Ersten Weltkrieg gekämpft, kamen desillusioniert zurück- unter ihnen auch der Ideenlieferant und Co-Autor des "Caligari", Hans Janowitz, der die nervöse, flimmernde Zeit in seinem einzigen Romen "Jazz", seinen unveröffentlicht gebliebenen Gedichten und in dem Drehbuch zum Film "Das Cabinet des Dr. Caligari" einzufangen versuchte. Es ist die Zeit der Straßenunruhen und politischen Flügelkämpfe: Nach der Abdankung Kaiser Wilhelm II. und der Ausrufung der Republik am 9.11.1918 durch Philipp Scheidemann kommt es alsbald zu den ersten Aufständen und Streiks. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg werden durch Regierungssoldaten ermordet. Von Januar bis Mai 1919 existieren in zahlreichen Teilen des Reiches sogenannte Räterepubliken. Selbst nach der Unterzeichnung der Weimarer Verfassung am 11.8.1919 und der Inkraftsetzung des Versailler Vertrages im Januar 1920 kehrt keine Ruhe ein. Im März 1920 kommt es zum Kapp-Putsch, im Ruhrgebiet und in Mitteldeutschland wird wieder auf den Straßen geschossen. Es gibt zahlreiche Tote und Verletzte.
In Berlin, der Hauptstadt der auf wackeligen Beinen stehenden jungen Republik, wird die Vergnügungssucht der Menschen mit ständig neuen Revuen und Kabaretts befriedigt. Ein beliebter Treffpunkt vor allem für die 'kleinen Leute' ist das Kino. Film - das ist zu dieser Zeit eine billige, schnelle und anspruchslose Ablenkung. Und doch muß das Publikum am "Caligari" mehr gereizt haben, als nur die bloß Ablenkung. Einen Monat nach der Uraufführung feiert das Marmorhaus bereits die 150. Vorstellung; damit haben bis zum 29. März 1920 durchschnittlich fünf Aufführungen pro Tag stattgefunden - eine außergewöhnlich lange Laufzeit für damalige Verhältnisse.
Im Winter 1925/26 kommt es zu einer groß angekündigten Neuaufführung in Berlin. In der Annonce der "Berliner Zeitung" (BZ) wird nicht der Hollywood-Film "Küß mich noch einmal" von Ernst Lubitsch groß inseriert, sondern das Meisterwerk von Robert Wiene.
"Das Cabinet des Dr. Caligari" ist auch in den USA sehr erfolgreich. Dort feiern ihn die Kritiker mit wahren Lobeshymnen. "Caligari" ist erst der zweite deutsche Spielfilm, der in Amerika zur öffentlichen Vorführung kommt.
In den nachfolgenden Jahrzehnten beeinflußt er sowohl amerikanische als auch europäische Regisseure. Inhaltlich und stilistisch wirkt er sich beispielsweise auf Filme von Orson Welles aus und auf viele Werke des "Film Noir" wie "The Spiral Staircase" von Robert Siodmak (USA 1946) oder Charles Laughtons "The Night of the Hunter" (USA 1955). Der amerikanische Filmwissenschaftler John Barlow glaubt sogar, in Ingmar Bergmanns "Ansiktet" (Schweden 1 958) eindeutige Ablehnungen an "Das Cabinet des Dr. Caligari" festmachen zu können.
So aufsehenerregende, viel diskutierte Filme wie Wienes "Caligari" werden sehr unterschiedlich ausgelegt. Die Interpretationsansätze reichen von politischen, soziologischen bis hin zu rein künstlerisch-ästhetischen Gesichtspunkten. Während Hermann Warm im "Caligari" überhaupt keine 'politischen Bezüge' entdecken konnte, schreibt Siegfried Kracauer in seiner psychologischen Geschichte des deutschen Films "Von Caligari zu Hitler": 'Die Schauergeschichte im Geiste E.T.A. Hoffmanns war ausgesprochen revolutionär. Janowitz bemerkt rückblickend, daß er und Carl Meyer darin die Allmacht einer Staatsautorität brandmarken wollten, die sich in der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und in Kriegserklärungen kundgab. Die deutsche Regierung im Krieg erschien den beiden Autoren als das Urbild einer solchen gefräßigen Autorität. Als Untertanen der österreichisch-ungarischen Monarchie konnten sie besser als die meisten Reichsdeutschen die verhängnisvollen Tendenzen durchschauen, die dem deutschen System innewohnten. Im Charakter Caligaris sind diese Tendenzen zu Ende geführt; er versinnbildlicht unbegrenzte Autoritätssucht, die die Macht als solche vergöttert und in ihrem Herrschtrieb alle menschlichen Rechte und Werte unbarmherzig mit Füßen tritt.' (Kracauer: Von Caligari zu Hitler, S. 71)
Durch die (auf Fritz Langs Anregung hin) hinzugefügte Rahmenhandlung wird, so Kracauer, das Revolutionäre des Caligari-Films wieder aufgehoben. 'Janowitz und Meyer wußten sehr wohl, warum sie die Rahmenhandlung so erbittert bekämpften: Sie entstellte ihre eigentlichen Absichten oder verkehrte sie gar ins Gegenteil. Während die Originalhandlung den der Autoritätssucht innewohnenden Wahnsinn aufdeckte. verherrlichte Wienes "Caligari" die Autorität als solche, und bezichtigte ihren Widersacher des Wahnsinns. Ein revolutionärer Film wurde so in einen konformistischen Film umgewandelt.' (Kracauer: Von Caligari zu Hitler, S. 73)
"Das Cabinet des Dr. Caligari" gehört zu den wenigen Filmen, die in immer wiederkehrenden Ausstellungen gewürdigt werden. Die Pariser Cinematheque Francaise ließ in ihren Räumen 1971 sogar durch Hermann Warm persönlich einige Kulissen des Films nachbauen, die noch heute einen ständigen Platz im Filmmuseum im Trocadéro einnehmen. Einige Jahre später widmete die "Stiftung Deutsche Kinemathek e.V." dem Film in Berlin eine vielbeachtete Ausstellung, in der die meisten noch erhaltenen Originalskizzen der Ausstatter und andere wichtige Dokumente gezeigt wurden.
Am 11. Februar 1984 findet eine festliche Premierenfeier anläßlich der Aufführung der rekonstruierten Farbversion des Stummfilms von Robert Wiene statt. Von Live-Musik begleitet - Emil Gerhardt am Klavier - spielt sich vor den Augen der begeisterten Zuschauer ein seltenes Schauspiel ab: Nach langen Recherchen und einer sorgfältigen Rekonstruktionsarbeit durch das Bundesarchiv/Filmarchiv in Koblenz flimmern Bilder über die Leinwand des Düsseldorfer Filminstituts, die auch 60 Jahre nach der Uraufführung in Berlin nichts von ihrer Faszination verloren haben." (Zur Rezeption des Filmes. - In: Heß, Klaus Peter: Das Kabinett des Dr. Caligari : Materialien zu einem Film von Robert Wiene / Klaus Peter Heß. Hrsg. von atlas film + av. - Duisburg : atlas film +av, 1988. - S. 18 - 22)

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